Author Archives: Kilian

  1. Augenmerk

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    Tiefschürfender Verhau

    Martin Frey, AZ, 140718, 2018

    „Anja Güthoff konfrontiert die Betrachter ihrer Ausstellung „Augenmerk“ zunächst mit einem Wirrwarr aus Trödel und Tand. Doch genau damit geht sie eindrucksvoll den Dingen der Natur und der Natur der Dinge auf den Grund. Man kann es Konvolut nennen oder Assemblage, was sich da dem Betrachter derzeit im Kaufbeuren Sparkassen–Gewölbe offenbart. Der Allgäuer würde es vielleicht weniger hochtrabend als „Verhau“ bezeichnen. Denn auf den ersten Blick wirkt die Ausstellung „Augenmerk“ mit Gemälden, Grafiken, und vor allem Installationen von Anja Güthoff wie ein einziges großes Durcheinander von Trödel und Tand. Erst allmählich erschließen sich Arbeitsweise, Gliederung, Aussagen und schließlich bemerkenswerte künstlerische Qualität, die hinter diesem Gesamtkunstwerk der besonderen Art stecken. (…) Doch das, was Güthoff schon als Kind mit Vorliebe zusammengetragen hat und zusammenträgt, besticht weniger durch seinen kunst- und kulturhistorischen Wert – den bringt sie durch ihre eigenen Werke ein –, vielmehr durch Nostalgie, Skurrilität, manchmal auch durch leichten Grusel. Es sind Fundstücke aus der Natur und vom Trödelmarkt, von irgendwelchen Dachböden, aber auch aus der Zoologischen Staatssammlung München. Unzählige dieser Gegenstände hat Güthoff zu einem Dutzend Installationen gruppiert.

    Das ist in der Mitte des großen Kellerraumes die „Stromschnelle“. Graue Styroporbrocken liegen aufgeschichtet wie Eisschollen auf einem tosenden Meer. Darauf stehen silberglänzende Kerzenständer, die kleine Wachsarbeiten tragen. Keine Kerzen, sondern blätterförmige Schiffchen mit filigranen, barock anmutenden Figürchen darauf. Ein erster Hinweis auf Güthoffs zentrales Thema: der Mensch in der Natur. Sind es hier die Naturgewalten, so sind es an anderen Stationen vor allem Tiere, mit denen die menschlichen Betrachter in Dialog treten. Das kann durch froschartige (hoffentlich nicht echte) Kreaturen geschehen, die in einer transparenten Kunststoffbox schwimmen und deren Umrisse durch einen Overheadprojektor groß an die Wand geworfen werden. Es geschieht aber vor allem durch Affen – die Tiere, die dem Menschen in der Evolution am Nächsten stehen und mit denen sich Güthoff im Augsburger Zoo immer wieder (künstlerisch) auseinandergesetzt hat. Ein aus verschlungenen Kunststoffschläuchen geformter, lebensgroßer Affe hat auf einem altertümlichen Sofa Platz genommen. Einige Meter davon entfernt trifft der Besucher auf eine ähnliche Intsallation: Eine Rokoko-Dame aus Porzellan wird – ebenfalls auf einem Sofa – von einem Wollknäuel-Affen umarmt. Bei „Für Dich“ sind die Affen aus weißem Plastik-Vlies und balancieren auf hölzernen Ziervasen. Galant will der eine der anderen eine Blume überreichen. Dann ist da die „Insel“, die als solche erst nach einer Weile zu erkennen ist. Denn die große, bedrohlich bedrohlich wirkenden, mit schwarzer Farbe gestalteten Papierfetzen, entpuppen sich erst mit der zeit als Affen, die sich an Palmen entlang hangeln. Das Eiland selbst besteht aus ramponierten Holzpaletten, Möbeln und Packpapierfetzen. Und schließlich trifft man inmitten von Suppenschüsseln auf einem Tischchen einen echten Affen, eine präparierte Mona-Meerkatze, die in einen Spiegel blickt und nur so dem Betrachter ihr Gesicht zeigt. Genau wie dieses Tier will Güthoff, dass sich der Mensch im Spiegel der Natur sieht, sich als Teil des ganzen erkennt – auch wenn die absolute Übermacht seiner Präsenz und seiner Produkte bisweilen den Weg versperrt. Nicht umsonst bettet die Künstlerin ihre überaus qualitätsollen Gemälde und grafischen Arbeiten, die wiederum zumeist von Motiven und Strukturen der Flora und Fauna inspiriert sind, in diesem künstlerisch wohl durchdachten „Verhau“ ein. Da taucht zum Beispiel die Acrylzeichnung „Es war schon da“ wieder auf, die im vergangenen Jahr mit dem Preis zur Ausstellung „Schwäbische Künstler in Irsee“ ausgezeichnet worden ist. Eine geradezu altmeisterliche Landschaftszeichnung, die die Künstlerin auf eine Schichtholzplatte mit Metallkanten aufgetragen hat, wie sie auf Baustellen verwendet wird, um Betonschalungen zu errichten. 

    So geht Güthoff mit Dingen aus der Natur und aus dem Alltag der Natur der Dinge auf den Grund. So folgt dem Wundern in dieser „Wunderkammer“ bald das Nachdenken über das, was den Menschen und die Natur verbindet und trennt. Die Kunst vermag jedenfalls beides – und Anja Güthoffs Kunst schafft dies sogar noch gleichzeitig.“